Niemals zuvor sind in Deutschland so viele Menschen mit Eisenbahnen gefahren wie heute. Und auch der Güterverkehr auf Schienen boomt in dem mitteleuropäischen Transitland. Nach der Verkehrsprognose des deutschen Bundesverkehrsministeriums für das Jahr 2040 wird bis dahin der Personenverkehr auf der Schiene um acht Prozent zulegen. Der Güterverkehr sogar um 35 Prozent. Ob Fahrgast oder gewerblicher Güterverkehrskunde – beide erwarten zuverlässige und pünktliche Transporte bei Tag und Nacht. Das erfordert vor allem eines: „freie Bahn“ – also eine ausreichend dimensionierte und wenig störanfällige Schieneninfrastruktur. Doch das deutsche Netz ist über Jahre geschrumpft. Und viele der verbliebenen Gleise und Weichen brauchen Reparaturen. Stellwerke und Signaltechnik sind noch zu selten auf dem neuesten technologischen Stand. Die Folgen dieser Gesamtsituation: überlastete Strecken und Behinderungen, unter anderem durch technische Störungen und Instandsetzungsarbeiten.
Der deutsche Staat investiert inzwischen mehr als in der Vergangenheit in den Schienenverkehr. Das Streckennetz verkleinert sich nicht mehr weiter. Doch beim Ausbau und Neubau passen Umfang und Tempo nicht zur Nachfrage. Bei aller andauernden Kritik: Einfach hat es die Bahn nicht. „Mehr Planungsstabilität bei Infrastrukturprojekten und mehr Zuverlässigkeit bei der Finanzierung längerfristiger Investitionen in die Zukunft“ würden der Bahn helfen, ihr System nachfragegerecht aufzustellen. Davon ist Mobilitätsexperte Marc Zacherl, Senior Partner bei der Managementberatung Porsche Consulting und Global Lead Transportation, überzeugt. Kurz gesagt: Das System Bahn braucht mehr unternehmerischen Spielraum, um sich freier entwickeln zu können. Und: Das Planungsrisiko wird zum Prellbock für den Fortschritt auf deutschen Schienen.
Eines der Hauptprobleme ist die Finanzierung. Und die ist abhängig vom Eigentümer der Bahn, dem deutschen Staat. Im Jahr 2024 investierte die Bundesrepublik mehr als 16 Milliarden Euro in die Schieneninfrastruktur – fast doppelt so viel wie fünf Jahre zuvor. Allerdings ist das wichtigste Projekt, die Generalsanierung der 40 wichtigsten Streckenkorridore bis 2030, noch nicht durchfinanziert. Von den benötigten 45 Milliarden sind bisher lediglich 27 Milliarden vom Eigentümer zugesagt. Ende 2027 wird voraussichtlich eine Finanzierungslücke entstehen.
Kritiker urteilen: Die Finanzierung der Bahn ist Stückwerk. Statt langfristiger Zusagen muss die Bahn von Jahr zu Jahr zittern, ob neue Mittel freigegeben werden. Sind die öffentlichen Finanzmittel knapp, tröpfelt das Geld lediglich. Und wechselt zum Beispiel die Regierung, könnten neue Schwerpunkte gesetzt und alte gestrichen werden. Das Hin und Her erschwert der Bahn die Planung langfristiger Projekte. Hinzu kommt die Tatsache, dass es fast 200 verschiedene Finanzierungstöpfe für Infrastrukturprojekte gibt. Aus welchem Topf aber kommt wie viel Geld für welches Projekt? Experten empfehlen deshalb schon seit langem einen Infrastrukturfonds, der auch aus privaten Kapitalquellen gespeist wird, die Mittel bündelt und über Jahrzehnte genutzt werden kann. Das würde der Bahn mehr Spielraum geben.
Unter der Planungsunsicherheit der Bahn leiden auch ihre Geschäftspartner, Dienstleister, Hersteller von Lokomotiven und Waggons und mit Großprojekten beauftragte Bauunternehmen. Ebenso aber auch Speditionen, die Transporte umweltfreundlich mit der Bahn organisieren wollen. Porsche Consulting wollte wissen, worauf es Unternehmen und Organisationen ankommt, die eng mit der Bahn verbunden sind, und hat bei fünf führenden Fachleuten nachgefragt.