Marc Ludwig, CEO Rail Infrastructure, Siemens Mobility GmbH
Beim Siemens Xcelerator nutzt der Konzern digitale Zwillinge, um mit dieser Plattform die Verfügbarkeit von Bahnsystemen zu maximieren, die Infrastruktur optimal zu nutzen und den Fahrgastkomfort zu erhöhen. Digitalisierung, Vernetzung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bilden die Eckpfeiler der Transformation.
© Siemens Mobility
Welche besonders dringenden digitalen Lösungen im deutschen Schienenverkehr sollten jetzt realistischerweise Vorrang haben?
Marc Ludwig: Der Personen- und Güter-Schienenverkehr steht weltweit vor großen Herausforderungen. Der steigende Mobilitätsbedarf durch Urbanisierung und Bevölkerungswachstum – bis 2050 leben voraussichtlich 68 Prozent der Weltbevölkerung in Städten – trifft auf das Ziel, die Emissionen im Verkehrssektor deutlich zu senken. Aktuell verursacht dieser rund 23 Prozent der globalen Treibhausgase. Der Schienenverkehr übernimmt dabei eine Schlüsselrolle als umweltfreundlichstes Verkehrsmittel. Um den Herausforderungen gerecht zu werden, brauchen wir Lösungen – allen voran digitale Lösungen – um den Schienenverkehr zu modernisieren. Siemens Mobility ist hier weltweit gut aufgestellt und mit seinen Produkten bereits Marktführer. Besonders wichtig sind die Einführung und der weitere Ausbau moderner Leit- und Sicherungstechnik wie ETCS, also des European-Train-Control-Systems, im Schienen-Fernverkehr. ETCS digitalisiert die Zugsteuerung, erhöht Effizienz und Interoperabilität, vor allem bei internationalen Verbindungen. Damit können mehr Züge auf bestehenden Fernbahnstrecken fahren. Die Modernisierung der Infrastruktur mit ETCS macht den Fernverkehr zukunftssicher.
Und wie sieht es im Nahverkehr aus, auf den Kurzstrecken der Pendler?
Auch im Schienennahverkehr treiben wir die Modernisierung und Digitalisierung der Signaltechnik voran. Dabei spielt Communications-Based Train Control, CBTC, eine zentrale Rolle: Mit CBTC wird der Zugverkehr in Echtzeit überwacht und hochpräzise gesteuert. Dadurch können Metros und U-Bahnen in deutlich kürzeren Abständen verkehren – und so die Kapazität in Ballungsräumen erheblich steigern. Darüber hinaus haben wir mit Signaling X eine cloudfähige Signallösung entwickelt, die sowohl im Metro- als auch im Fernverkehr die Effizienz der Systeme sowie Kapazität und Zuverlässigkeit deutlich steigert, Energieeinsparungen ermöglicht und höchste Sicherheit gewährleistet. Dabei werden Stellwerke und weitere Funktionen der Leit- und Sicherungstechnik in cybersichere Rail-Data-Center virtualisiert ausgelagert. Heutige kabelgebundene, streckenseitige Infrastruktur wird dadurch redundant, was zum Beispiel Wartungsaufwände erheblich reduziert und den Betrieb flexibler und skalierbar macht.
Was kann die Chancen auf Realisierung erhöhen?
Bei Digitalisierung und Modernisierung des Schienennetzes ist Deutschland noch nicht auf dem Niveau anderer europäischer Länder – was zu einem Großteil natürlich auch an der Größe des Netzes liegt. Dennoch gibt es europäische Länder, die bereits mehr als die Hälfte ihrer Bahninfrastruktur digitalisiert haben, während Deutschland aktuell bei unter zwei Prozent liegt. Die Kompetenz ist in der deutschen Eisenbahnindustrie vorhanden. Auch Mittel werden bereitgestellt. Nun gilt es, die Umsetzung zu beschleunigen. Dafür braucht es effiziente Prozesse und langfristig gesicherte Investitionen, um der Industrie Planungssicherheit zu bieten.
Siemens ist ein großer technologischer Partner im System Bahn. Welche Rolle spielt zum Beispiel die Ausrüstung der Züge bei der Digitalisierung?
Also, zunächst haben wir Spitzentechnologie im Angebot. Und zwar sowohl für den Fern- als auch den Schienennahverkehr. Diese ist bereits weltweit im Einsatz. Dabei steht auch die Ausrüstung der Schienenfahrzeuge mit sogenannten On-Board-Units (OBUs) im Fokus, denn sie sind die Basis für einen zukunftssicheren und interoperablen Betrieb. Die konsequente Nachrüstung der Züge mit digitalen Steuerungssystemen ist entscheidend, damit wir die Strecken bis 2035 effizient und sicher betreiben können. Gleichzeitig setzen wir auf die Zentralisierung von Steuerungsfunktionen in digitalen Rail-Data-Centern, um das Netz als Ganzes intelligent, flexibel und nachhaltig zu steuern. So gestalten wir die Infrastruktur der Bahn, machen sie fit für die Zukunft und schaffen die Voraussetzungen für einen modernen, leistungsfähigen Personenverkehr.