Hersteller müssen klare Prioritäten setzen
Die Umfrage zeigt auch: Nicht alle Kategorien sind gleich stark betroffen. Fast ein Drittel der Konsumenten hat keine ,,Red-Line"-Kategorie mehr. Für diese Gruppe ist der Wechsel zu Handelsmarken grundsätzlich überall denkbar. Gleichzeitig bleiben Kaffee, Zahnpflege, Deodorant oder Haarpflege stärker geschützt, weil dort Geschmack, Gesundheit, Routine oder soziale Sichtbarkeit eine größere Rolle spielen.
Hier muss für Hersteller die Portfolioarbeit ansetzen. Wo eine Herstellermarke ein besonderes Geschmackserlebnis schafft oder nachweislich bessere Wirkung liefert, sollte sie aktiv verteidigt werden. Wo der Unterschied für Konsumenten kaum erkennbar ist, sind Abschöpfungs-, Partnerschafts- oder Exit-Strategien sinnvoller als weitere Investitionen in Markenbekanntheit. Entscheidend ist, für jede Kategorie eine klare Richtung festzulegen: verteidigen, entwickeln, kooperieren oder bewusst nicht weiter priorisieren.
Dabei ist Handelsmarkenproduktion für Hersteller keine Kapitulation, sondern kann eine strategische Entscheidung sein. Wer über effiziente Produktion, Beschaffungskompetenz oder Qualitätsführerschaft verfügt, kann Private Labels (Eigenmarken bzw. Handelsmarken) als Absatz- und Partnerschaftsmodell nutzen. Das sichert Auslastung, stärkt Händlerbeziehungen und schafft Zugang zu wachsenden Segmenten. Voraussetzung sind klare Leitplanken: Keine Verwässerung der eigenen Markenposition, saubere Trennung von Rezepturen und Innovationsfeldern sowie transparente Profitabilitätsziele je Kategorie.
Markenwert entsteht wieder am Produkt
Die Konsequenzen für Hersteller und Händler sind ähnlich. Hersteller müssen Markenwert stärker vom Produkt denken. Händler müssen Handelsmarken wie Marken führen. Beide Seiten brauchen mehr Klarheit über die Rollen ihrer Produkte: Warum landen sie im Warenkorb? Welchen Nutzen bieten sie? Woran ist dieser erkennbar? Und welcher Preis ist dafür glaubwürdig?
Für Hersteller bedeutet das mehr Portfolio-Realismus. Drei Fragen helfen bei der Einordnung: Bietet das Produkt hinter der Marke echte Alleinstellung? Liefert sie einen Produktnutzen, der im Alltag spürbar und belegbar ist? Besitzt sie eine emotionale Bedeutung, die nicht leicht vom Händler kopiert werden kann? Nur wenn mindestens eine dieser Fragen klar beantwortet wird, verdient die Marke weitere Investitionen.
Für Händler entsteht eine andere Herausforderung: Je erfolgreicher Handelsmarken werden, desto höher sind die Erwartungen an Konsistenz, Transparenz und Innovation. Handelsmarken dürfen nicht in einer reinen Preislogik stecken bleiben. Sie müssen über Qualität, Sortimentsklarheit, Verpackung, Herkunft und digitale Kundenkontakte geführt werden. Gerade bei Premium-, Bio- oder Trendsegmenten kann der Händler so eigene Differenzierung aufbauen, ohne ausschließlich über Fläche oder Preis zu konkurrieren.
Jüngere Konsumenten zeigen, warum diese Substanz wichtiger wird. Die Studie verdeutlicht, dass Gen Z nicht ausschließlich vom Preis getrieben ist. Sie zeigt in bestimmten Kategorien stärkere Markenpräferenzen als ältere Gruppen, bewertet Marken aber anders: Authentizität, Transparenz, Nachhaltigkeit und nachvollziehbarer Produktnutzen zählen stärker als reine Bekanntheit. Purpose ohne Produktbeweis trägt daher nicht. Markenrelevanz entsteht wieder am Regal, nicht allein im Werbespot. Der Aufstieg der Handelsmarken verdrängt deshalb nicht automatisch jede Herstellermarke. Er verdrängt vor allem Angebote, deren Mehrwert nicht mehr erkennbar ist. Die Zukunft gehört nicht der günstigsten Marke, sondern der glaubwürdigsten Rolle in der Kategorie: dem Händler, der Konsumentenvertrauen in ein starkes Handelsmarkenportfolio übersetzt; dem Hersteller, der echte Überlegenheit beweist; oder dem Produktionspartner, der Handelsmarken professionell und profitabel ermöglicht.1;2