Europas Weckruf in der Verteidigung

Wie traditionelle Industrien den Einstieg in die boomende Rüstung schaffen
Dirk Pfitzer
Febr. 2026 | Impuls | Deutsch | 8 Min.
Leitfragen
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Warum kann der Verteidigungssektor eine Chance für traditionelle Industriegüterhersteller sein?
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Welche geopolitischen und regulatorischen Entwicklungen müssen für einen erfolgreichen Markteintritt berücksichtigt werden?
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Welche strategischen Hebel und Partnerschaften ermöglichen nachhaltiges Wachstum im Verteidigungsökosystem?

Eine neue Ära industrieller Verteidigungsfähigkeit

Europa erlebt derzeit eine historische Phase der Wiederaufrüstung. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und wachsende Bedrohungen im Cyberraum haben die sicherheitspolitische Lage deutlich verschärft. Gleichzeitig wachsen die Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien. Die eigene Verteidigungsfähigkeit ist damit zur Top-Priorität politischer Entscheidungsträger geworden. Allein Deutschland plant, seine Verteidigungsausgaben innerhalb von fünf Jahren zu verdoppeln und die konventionell stärkste Armee Europas aufzubauen.1 Das Land hat zugesagt, bis 2029 ganze 5 Prozent seines BIP in Verteidigung zu investieren – 3,5 Prozent in direkte militärische Investitionen und weitere 1,5 Prozent in verteidigungsrelevante Infrastruktur.2 Werte dieser Größenordnung gab es zuletzt in den 1960er‑Jahren.

Europaweit dürften die Verteidigungsbudgets bis 2030 die Schwelle von einer Billion Euro überschreiten, wobei Deutschland eine führende Rolle einnimmt.4 Der Umfang und das Tempo der Investitionen sind beispiellos in Europa. Die Verteidigungsindustrie positioniert sich damit als zentrales Rückgrat militärischer Innovation und Beschaffung in Europa.5

Die kombinierten europäischen Verteidigungsausgaben werden bis 2030 voraussichtlich die Marke von 1 Billion Euro übersteigen (Werte in Mrd. €).

Die kombinierten europäischen Verteidigungsausgaben werden bis 2030 voraussichtlich die Marke von 1 Billion Euro übersteigen (Werte in Mrd. €). Quelle: Agora Strategy und Porsche Consulting

Die kombinierten europäischen Verteidigungsausgaben werden bis 2030 voraussichtlich die Marke von 1 Billion Euro übersteigen (Werte in Mrd. €).
Die kombinierten europäischen Verteidigungsausgaben werden bis 2030 voraussichtlich die Marke von 1 Billion Euro übersteigen (Werte in Mrd. €). Quelle: Agora Strategy und Porsche Consulting

Für Industriegüterhersteller bedeutet diese Entwicklung weit mehr als einen politischen Kurswechsel – sie markiert eine tiefgreifende Markttransformation. Der wachsende Bedarf der europäischen Streitkräfte in allen militärischen Domänen – zu Land, in der Luft, zur See, im Weltraum und im Cyberraum – öffnet den Verteidigungssektor zunehmend für Unternehmen, die bislang ausschließlich zivil tätig waren. Insbesondere in Deutschland ergeben sich dadurch neue Chancen für Unternehmen, die in ihren angestammten Kernmärkten mit rückläufiger Nachfrage konfrontiert sind. Für diese Betriebe eröffnet sich die Möglichkeit, in den Verteidigungsmarkt zu diversifizieren und langfristiges Wachstum zu sichern.

 

Vielfältige und greifbare Chancen für Industriegüterhersteller

Die hohen Verteidigungsbudgets ermöglichen Investitionen weit über Panzer und Raketen hinaus – in die Modernisierung der Infrastruktur, die Stärkung digitaler Resilienz und die industrielle Transformation. Schienen, Straßen und Brücken müssen ertüchtigt werden, um schnelle Truppenbewegungen zu ermöglichen und gegebenenfalls dem Gewicht von Panzerverbänden standzuhalten. Im digitalen Raum müssen kritische Infrastrukturen wie Energienetze so modernisiert werden, dass sie Cyberangriffe standhalten. Der Investitionsstau ist erheblich: Deutschlands Rolle als logistisches Drehkreuz wird derzeit durch veraltete Transportnetze eingeschränkt. Rund 5.000 Brücken müssen dringend saniert werden, zudem sind bis 2030 etwa 4.200 Kilometer Schienennetz zu erneuern. Der Gesamtinvestitionsbedarf für Transport- und Energieinfrastruktur beläuft sich auf über 600 Milliarden Euro, darunter 165 Milliarden Euro für den überregionalen Verkehr und 19,9 Milliarden Euro für den kommunalen Katastrophenschutz.4

Neben den infrastrukturellen Herausforderungen ist der Aufbau einer robusten und skalierbaren deutschen Verteidigungsindustrie entscheidend für die militärische Handlungsfähigkeit Deutschlands. Industrielle Kernkompetenzen wie Metallverarbeitung, Mechatronik und Fabrikautomatisierung lassen sich unmittelbar auf verteidigungsrelevante Anwendungen übertragen – etwa auf Fahrwerksstrukturen von Panzern, Antriebssysteme für unbemannte Luftfahrzeuge oder sichere Kommunikationsplattformen. Insbesondere Automobilzulieferer und der Maschinenbau nehmen hierbei eine Schlüsselrolle ein, da sie über umfassende Erfahrung in der Großserienfertigung, im Präzisionsengineering, in der Robotik sowie über eine hochqualifizierte Belegschaft verfügen.6; 7

Die prognostizierte verteidigungsrelevante Beschaffung europäischer Staaten umfasst alle militärischen Domänen.

Die prognostizierte verteidigungsrelevante Beschaffung europäischer Staaten umfasst alle militärischen Domänen. Quelle: Agora Strategy und Porsche Consulting

Die prognostizierte verteidigungsrelevante Beschaffung europäischer Staaten umfasst alle militärischen Domänen.
Die prognostizierte verteidigungsrelevante Beschaffung europäischer Staaten umfasst alle militärischen Domänen. Quelle: Agora Strategy und Porsche Consulting

Unternehmen wie Schaeffler und Trumpf arbeiten bereits mit Partnern aus der Verteidigungsindustrie zusammen, um hochmoderne Drohnen zu fertigen. Auch unerwartete Akteure melden sich zu Wort: Heidelberger Druckmaschinen nutzt sein Ingenieurswissen zur Entwicklung autonomer Bodenfahrzeuge für Verteidigungszwecke, während goodBytz – ursprünglich Hersteller robotergestützter Küchensysteme – inzwischen autonome Kochsysteme an NATO-Truppen ausliefert.8 Diese Beispiele verdeutlichen, dass industrielle Agilität zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird.

Für Entscheider in Industrieunternehmen stellt sich daher nicht mehr die Frage, ob ein Einstieg sinnvoll ist, sondern wie er gestaltet werden sollte. Wer frühzeitig handelt, hat die Möglichkeit, Standards mitzuprägen, strategische Partnerschaften zu sichern und sich in einem dynamisch wachsenden Markt zu positionieren. Zögerlichkeit hingegen erhöht das Risiko, die attraktivsten Chancen an etablierte Anbieter oder agile Start-ups zu verlieren. Early Mover haben somit die besten Aussichten, sich ihren Anteil an einem wachsenden – im Vergleich zu traditionellen Industrien jedoch weiterhin kleinen – Markt zu sichern.

 

Geopolitische und regulatorische Komplexität meistern

Der Weg in den europäischen Verteidigungsmarkt ist vielversprechend, aber zugleich anspruchsvoll. Um den Anforderungen nationaler Sicherheitsinteressen gerecht zu werden, müssen Unternehmen strenge Zertifizierungs- und Sicherheitsstandards einhalten, einschließlich NATO‑Interoperabilität. Verteidigungsbezogene Beschaffungszyklen sind langwierig, oft über mehrere Jahre angelegt, und Verantwortlichkeiten verteilen sich auf Ministerien, Behörden und Parlamente. Exportkontrollen für Halbleiter und KI, US‑ITAR‑Regulierungen sowie chinesische Beschränkungen bei seltenen Erden erhöhen die Komplexität globaler Lieferketten zusätzlich. Gleichzeitig verstärkt Europas Streben nach strategischer Autonomie die Notwendigkeit lokaler Produktion und widerstandsfähiger Lieferketten.

Für Entscheider bedeutet dies: institutionelles Vertrauen früh aufbauen – beispielsweise durch den Dialog mit Verteidigungsbehörden und Ministerien – und in Compliance‑Strukturen investieren. ESG‑Anforderungen (Environmental, Social, Governance) dienen dabei nicht nur der Nachhaltigkeit, sondern fungieren auch als Hebel lokaler Wertschöpfung. Unternehmen, die in Ausschreibungen einen klaren „europäischen Footprint“ vorweisen, können sich so Wettbewerbsvorteile verschaffen.

 

Strategische Neupositionierung durch starke Partnerschaften

Der Einstieg in den Verteidigungssektor hängt nicht nur von technologischen Fähigkeiten ab, sondern davon, sich einen Platz in einem stark regulierten, vertrauensgetriebenen Ökosystem zu sichern. Erfolgreiche Unternehmen positionieren sich als unverzichtbare Partner in Europas sicherheitspolitischer Transformation. Dazu gehört mehr als ein gutes Produkt: Es braucht ein überzeugendes Narrativ, wie eigene Kompetenzen konkrete, die dringlichen Herausforderungen lösen.

Für Industriegüterhersteller bedeutet dies, über ein rein transaktionales Geschäftsverständnis hinauszugehen. Verteidigungsverträge sind selten kurzlebig – sie beruhen auf langfristigen Beziehungen und dem Vertrauen in die Belastbarkeit eines Zulieferers. Entscheidend ist daher der frühe Austausch mit Entscheidungsträgern, das Verständnis für Prioritäten in der Beschaffung und die Ausrichtung des eigenen Angebots an strategischen Zielen wie NATO‑Interoperabilität oder europäischer Souveränität.

Partnerschaften beschleunigen diesen Prozess. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Verteidigungsindustrie öffnet Türen zu beschränkten Ausschreibungen und gemeinsamen Entwicklungsprojekten. Schaefflers Kooperation mit Helsing zeigt, wie Präzisionsengineering aus der Automobilindustrie mit hochentwickelter Verteidigungstechnologie kombiniert werden kann, um die Drohnenproduktion für europäische Streitkräfte zu skalieren. In diesem Fall ermöglichen die industriellen Fähigkeiten von Schaeffler, die Fertigung im Krisenfall auf 100.000 Drohnen pro Jahr hochzufahren. Ähnlich wird Trumpfs Laser‑Expertise zum entscheidenden Faktor, wenn sie in moderne Drohnenabwehrsysteme integriert wird.8 Diese Beispiele belegen: Industrielle Kompetenz gewinnt im Verteidigungskontext strategische Relevanz, sobald sie fest in entsprechende Ökosysteme eingebettet ist.

Die Mitgliederzahl des Rüstungsverbands der deutschen Wirtschaft ist innerhalb eines Jahres stark angestiegen – zwei Drittel stammen aus dem Mittelstand.

Die Mitgliederzahl des Rüstungsverbands der deutschen Wirtschaft ist innerhalb eines Jahres von 243 auf 440 angestiegen – zwei Drittel stammen aus dem Mittelstand. Quelle: Handelsblatt

Die Mitgliederzahl des Rüstungsverbands der deutschen Wirtschaft ist innerhalb eines Jahres stark angestiegen – zwei Drittel stammen aus dem Mittelstand.
Die Mitgliederzahl des Rüstungsverbands der deutschen Wirtschaft ist innerhalb eines Jahres von 243 auf 440 angestiegen – zwei Drittel stammen aus dem Mittelstand. Quelle: Handelsblatt

Ein weiterer zentraler Hebel ist die Finanzierung. Initiativen wie der European Defence Fund (EDF) oder nationale Förderprogramme unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung neuer Fähigkeiten und dual‑use‑Technologien.10 Wer diese Mittel proaktiv nutzt, sichert sich nicht nur Kapital, sondern zeigt auch klaren Willen zur Mitgestaltung der europäischen Verteidigungsagenda – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in kompetitiven Vergabeverfahren. Strategische Positionierung bedeutet darüber hinaus, vorauszudenken. Mithilfe von Szenarioplanung – etwa zu Entwicklungen der Verteidigungsbudgets, geopolitischen Spannungen oder technologischen Standards – können sich Unternehmen auf schnelle Skalierung und robuste Lieferketten vorbereiten.

Gleichzeitig gilt es, realistisch zu bleiben: Trotz stark steigender Nachfrage bleibt der Verteidigungsmarkt insgesamt kleiner als klassische Industriesektoren, die derzeit unter Druck stehen. Und obwohl die Verteidigungsindustrie dringend Expertise, Kapazitäten und Fachkräfte etablierter Industrieunternehmen benötigt, wird es nicht jedem Unternehmen gelingen, eine tragfähige Nische zu finden, die Verluste in anderen Geschäftsbereichen kompensiert.11 Umso wichtiger ist es für potenzielle Neueinsteiger, genau zu verstehen, wie der Markteintritt gelingen kann, wie sich die inhärente Komplexität meistern lässt und wie man sich frühzeitig eine strategisch relevante Position sichert – und damit dem Wettbewerb voraus zu sein.

Kernaussagen
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Der Verteidigungsmarkt ist kein geschlossenes System mehr – unterschiedlichste Branchen können eine zentrale Rolle in Europas sicherheitspolitischer Transformation übernehmen.
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Strategische Positionierung, regulatorische Vorbereitung und Partnerschaften mit OEMs sind entscheidend, um Markteintrittsbarrieren zu überwinden und langfristige Relevanz zu sichern.
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Investitionen in Infrastruktur und szenariobasierte Planung eröffnen Wachstumschancen jenseits traditioneller Wertschöpfungsketten im Verteidigungsbereich und tragen dazu bei, Europas Resilienz zu stärken.

Anhang

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Dirk Pfitzer, Senior Partner Baubranche, Energiewirtschaft, Industriegüter
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