Unternehmen wie Schaeffler und Trumpf arbeiten bereits mit Partnern aus der Verteidigungsindustrie zusammen, um hochmoderne Drohnen zu fertigen. Auch unerwartete Akteure melden sich zu Wort: Heidelberger Druckmaschinen nutzt sein Ingenieurswissen zur Entwicklung autonomer Bodenfahrzeuge für Verteidigungszwecke, während goodBytz – ursprünglich Hersteller robotergestützter Küchensysteme – inzwischen autonome Kochsysteme an NATO-Truppen ausliefert.8 Diese Beispiele verdeutlichen, dass industrielle Agilität zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird.
Für Entscheider in Industrieunternehmen stellt sich daher nicht mehr die Frage, ob ein Einstieg sinnvoll ist, sondern wie er gestaltet werden sollte. Wer frühzeitig handelt, hat die Möglichkeit, Standards mitzuprägen, strategische Partnerschaften zu sichern und sich in einem dynamisch wachsenden Markt zu positionieren. Zögerlichkeit hingegen erhöht das Risiko, die attraktivsten Chancen an etablierte Anbieter oder agile Start-ups zu verlieren. Early Mover haben somit die besten Aussichten, sich ihren Anteil an einem wachsenden – im Vergleich zu traditionellen Industrien jedoch weiterhin kleinen – Markt zu sichern.
Geopolitische und regulatorische Komplexität meistern
Der Weg in den europäischen Verteidigungsmarkt ist vielversprechend, aber zugleich anspruchsvoll. Um den Anforderungen nationaler Sicherheitsinteressen gerecht zu werden, müssen Unternehmen strenge Zertifizierungs- und Sicherheitsstandards einhalten, einschließlich NATO‑Interoperabilität. Verteidigungsbezogene Beschaffungszyklen sind langwierig, oft über mehrere Jahre angelegt, und Verantwortlichkeiten verteilen sich auf Ministerien, Behörden und Parlamente. Exportkontrollen für Halbleiter und KI, US‑ITAR‑Regulierungen sowie chinesische Beschränkungen bei seltenen Erden erhöhen die Komplexität globaler Lieferketten zusätzlich. Gleichzeitig verstärkt Europas Streben nach strategischer Autonomie die Notwendigkeit lokaler Produktion und widerstandsfähiger Lieferketten.4
Für Entscheider bedeutet dies: institutionelles Vertrauen früh aufbauen – beispielsweise durch den Dialog mit Verteidigungsbehörden und Ministerien – und in Compliance‑Strukturen investieren. ESG‑Anforderungen (Environmental, Social, Governance) dienen dabei nicht nur der Nachhaltigkeit, sondern fungieren auch als Hebel lokaler Wertschöpfung. Unternehmen, die in Ausschreibungen einen klaren „europäischen Footprint“ vorweisen, können sich so Wettbewerbsvorteile verschaffen.
Strategische Neupositionierung durch starke Partnerschaften
Der Einstieg in den Verteidigungssektor hängt nicht nur von technologischen Fähigkeiten ab, sondern davon, sich einen Platz in einem stark regulierten, vertrauensgetriebenen Ökosystem zu sichern. Erfolgreiche Unternehmen positionieren sich als unverzichtbare Partner in Europas sicherheitspolitischer Transformation. Dazu gehört mehr als ein gutes Produkt: Es braucht ein überzeugendes Narrativ, wie eigene Kompetenzen konkrete, die dringlichen Herausforderungen lösen.
Für Industriegüterhersteller bedeutet dies, über ein rein transaktionales Geschäftsverständnis hinauszugehen. Verteidigungsverträge sind selten kurzlebig – sie beruhen auf langfristigen Beziehungen und dem Vertrauen in die Belastbarkeit eines Zulieferers. Entscheidend ist daher der frühe Austausch mit Entscheidungsträgern, das Verständnis für Prioritäten in der Beschaffung und die Ausrichtung des eigenen Angebots an strategischen Zielen wie NATO‑Interoperabilität oder europäischer Souveränität.
Partnerschaften beschleunigen diesen Prozess. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Verteidigungsindustrie öffnet Türen zu beschränkten Ausschreibungen und gemeinsamen Entwicklungsprojekten. Schaefflers Kooperation mit Helsing zeigt, wie Präzisionsengineering aus der Automobilindustrie mit hochentwickelter Verteidigungstechnologie kombiniert werden kann, um die Drohnenproduktion für europäische Streitkräfte zu skalieren. In diesem Fall ermöglichen die industriellen Fähigkeiten von Schaeffler, die Fertigung im Krisenfall auf 100.000 Drohnen pro Jahr hochzufahren. Ähnlich wird Trumpfs Laser‑Expertise zum entscheidenden Faktor, wenn sie in moderne Drohnenabwehrsysteme integriert wird.8 Diese Beispiele belegen: Industrielle Kompetenz gewinnt im Verteidigungskontext strategische Relevanz, sobald sie fest in entsprechende Ökosysteme eingebettet ist.