Welche weiteren Herausforderungen gibt es beim Blick auf die Feststoffbatterie?
Neben der Herstellung der Batterie selbst müssen Lösungen für ihre Integration ins Fahrzeug gefunden werden. Das Hauptproblem: Die Feststoffbatterie „atmet“ quasi. Dieser Prozess der Ausdehnung und anschließenden Schrumpfung kann bei der Lithium-Metall-Anode mehr als zehn Zentimeter im Gesamtfahrzeug betragen. Ingenieure müssen also eine Möglichkeit finden, wie sich eine solche Volumenänderung in einen ansonsten starren Fahrzeugrahmen integrieren lässt. Daneben muss das Zellformat der heutigen Prototypenzellen deutlich vergrößert werden, um für den Einsatz in der Automobilindustrie und weitere Anwendungen relevant zu werden.
Auch beim Thema Material haben die Forscher aktuell noch eine volle To-do-Liste, die sie bis zu einer echten Industrialisierung abarbeiten müssen. Verbessert werden müssen die Materialeigenschaften aller drei maßgeblichen Komponenten der Feststoffbatterie – Festelektrolyt, Kathode und Anode. Das Kathodenmaterial und der Feststoffelektrolyt müssen chemisch aufeinander abgestimmt werden, zum Beispiel durch geeignete Oberflächenbeschichtung des Kathodenmaterials. Ansonsten drohen unerwünschte Nebenreaktionen, die die Lebensdauer der Feststoffbatterie verringern. Auch die Festelektrolyte selbst haben noch deutlichen Optimierungsbedarf. Die Forscher müssen vor allem an ihrer chemischen Beständigkeit arbeiten. Auch der Ionentransport muss weiter beschleunigt werden, wenn die Feststoffbatterie als Ganzes als Herzkammer eines Sportwagens bestehen will.
Damit die Feststoffbatterie tatsächlich die versprochene Energiedichte erreicht, ist es wichtig, die Schichtdicke des Festelektrolytseparators auf weniger als 20 Mikrometer zu reduzieren. Das ist in etwa dreimal dünner als ein menschliches Haar. Für die Großserienproduktion stellt das eine gewaltige Herausforderung dar. Denn die Separatoren müssen nicht nur dünn, sondern auch „pinhole free“ sein, also frei von kleinsten Unregelmäßigkeiten auf der Oberfläche. Zudem benötigt man diese dichten Separatoren in einem sehr großen Umfang: Soll eine Produktionskapazität von 20 Gigawattstunden erreicht werden, sind Separatoren notwendig, die nebeneinandergelegt eine Fläche von 150 Millionen Quadratmetern einnehmen würden – das entspricht in etwa 20.000 Fußballfeldern. Um die Kosten im Griff zu behalten, sollte hierbei die Ausschussrate des wertvollen Feststoffelektrolytseparators auf ein Minimum reduziert werden.
Neue Lieferketten absichern
Es wird noch einige Jahre dauern, bis Forscher und Entwickler in den Start-ups die Eigenschaften der Feststoffbatterie so weit optimiert haben, dass mit der industriellen Produktion begonnen werden kann. Doch auch dann werden noch nicht alle Probleme aus der Welt geschafft sein. So ist es wichtig, dass die Industrie in einem nächsten Schritt die notwendigen Lieferketten für die neuen Materialien etabliert. Hierbei kann sie nur beschränkt auf die bereits bestehende Supply Chain von Lithium-Ionen-Batterien zurückgreifen. Das Set der benötigten Chemikalien ist einfach zu unterschiedlich. Vor allem bei stark nachgefragten Rohstoffen wie Lithium ist es geboten, dass sich die Hersteller im Hinblick auf Verfügbarkeit und Preisschwankungen absichern. Feststoffelektrolyte enthalten aufs Volumen bezogen bis zu 50-mal mehr Lithium als konventionelle Flüssigelektrolyte.
Vor diesem Hintergrund rechnen die Batterie-Experten von Porsche Consulting damit, dass es bis zu zwei Jahre dauern wird, bis die Zulieferindustrie erste Anlagen errichtet hat, um die nötigen Materialien bereitzustellen. Der Bau und die Inbetriebnahme der eigentlichen Batterieanlagen dauert sogar noch länger. Mindestens zweieinhalb Jahre veranschlagen die Experten dafür. „Um Zeit und Kosten zu sparen, sollten sich die Akteure also frühzeitig vorbereiten und ihre Prozesse aufeinander abstimmen“, sagt Experte Wu.
Die Industrialisierung der Feststoffbatterie ist zudem mit großem finanziellen Risiko verbunden. Allein für den Aufbau einer Pilotanlage im Megawatt-Bereich muss mit Kosten von 500 Millionen bis 1 Milliarde Euro gerechnet werden. Falls die Planer den eigenständigen Aufbau einer Gigafabrik mit bis zu 20 Gigawattstunden anstreben, müssen sie mit weiteren Investitionen von rund 2 Milliarden Euro kalkulieren: 1 bis 1,5 Milliarden Euro werden Maschinen, Anlagen und Gebäude kosten. Weitere 0,5 bis 1 Milliarden Euro entfallen den Experten zufolge während des Anlaufs auf die hohen Ausschussraten und das benötigte Personal. Daher ist es wenig überraschend, dass Start-ups wie Solid Power und Solid Energy System sich frühzeitig um Produktionspartnerschaften bemüht haben – sei es im Rahmen einer Auftragsfertigung oder als Joint Venture mit Automobilherstellern.