OEMs zwischen Pflicht und Chance
Über zwei Jahrzehnte war die europäische Altfahrzeugrichtlinie (ELVD) der rechtliche Rahmen. Sie verpflichtete Hersteller und Mitgliedstaaten formal zu Sammel- und Recyclingquoten, doch die Durchsetzung blieb schwach. Unterschiedliche nationale Umsetzungen, unklare Zuständigkeiten und kaum sanktionierte Schlupflöcher führten dazu, dass ein erheblicher Teil des Potenzials ungenutzt blieb.
Mit der neuen End-of-Life Vehicles-Regulation (ELVR) wird ab 2025 ein Paradigmenwechsel eingeleitet. Die Richtlinie wird durch unmittelbar geltendes EU-Recht ersetzt – nationale Interpretationsspielräume entfallen. Ab 2028 greift die erweiterte Produzentenverantwortung (EPR). OEMs (Original Equipment Manufacturer) tragen dann rechtlich und finanziell Verantwortung über den gesamten Lebenszyklus – von der Rücknahme über die Demontage bis zur Verwertung. Hinzu kommen ambitionierte Rezyklatquoten, insbesondere für Kunststoffe, Metalle und Batteriematerialien. Hersteller müssen nachweisen, dass ihre Produkte bestimmte Anteile an Sekundärrohstoffen enthalten – die zum Teil aus Altfahrzeugen stammen müssen. Diese Regulierung verändert den Markt radikal. Für OEMs ist das Altfahrzeugmanagement nicht länger ein Randthema, das man Dienstleistern überlassen kann. Es wird zur strategischen Kernaufgabe.Wer die vorgeschriebenen Quoten nicht erfüllt, riskiert Strafzahlungen und Reputationsverluste. Gleichzeitig können Unternehmen, die frühzeitig Rücknahmesysteme etablieren, sich Zugang zu stabilen Rohstoffströmen sichern und dadurch Kostenvorteile gegenüber Wettbewerbern erzielen. Zudem achten Verbraucher und Kapitalmärkte zunehmend auf zirkuläre Strategien, sodass ein glaubwürdiger Umgang mit Altfahrzeugen zum wichtigen Differenzierungsmerkmal wird. Die ELVR ist damit mehr als ein regulatorisches Korsett. Sie eröffnet den Herstellern die Möglichkeit, sich aktiv im Zukunftsfeld Kreislaufwirtschaft zu positionieren – vorausgesetzt, sie begreifen die neue Verantwortung nicht nur als Pflicht, sondern als Chance.